Erinnerungen an Eugen Gehrer (1. Februar 1943 – 19. Februar 2026)
Liebe Segelfreundinnen und -freunde, liebe Gäste
Viele von euch haben Eugen gekannt und ihn erlebt. Meine nachfolgenden Bemerkungen zu ihm erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie stellen lediglich einen Bruchteil von dem dar, was man über Eugen berichten könnte.
Wenn ich meine Zeit mit Eugen als Partner der Odin und als Segelfreund betrachte, erinnere ich mich an einen aussergewöhnlichen Menschen; nicht nur an einen erfolgreichen Geschäftsmann, einen liebenswerten Ehemann und Vater, sondern auch an einen leidenschaftlichen und begnadeten Segler - und vor allem an einen Freund, wie man ihn sich gerne wünscht.
Wer Eugen kannte, der hörte ihn meist, bevor er ihn sah, sei es an Land oder auf dem Wasser. Diese herausragend starke Stimme – ein unverkennbares Markenzeichen, durchsetzungsstark, typisch für eine Familie mit mehr als zehn Geschwistern. In einer solch grossen Runde aufwachsen, bedeutet, früh zu lernen, sich Gehör zu verschaffen. Und er tat das – mit Nachdruck! Manchmal bestimmend, gelegentlich bittend, ab und zu auch autoritär und hin und wieder grimmig. Aber wer ihn näher kannte, wusste: Unter der rauen Schale lag ein weicher Kern.
Eugen war Team-Mensch durch und durch. Familie war für ihn kein Wort, sondern Verpflichtung und Freude zugleich. Loyalität war kein Versprechen, sondern Selbstverständlichkeit. Er war grosszügig – nicht nur unserem Club gegenüber -, verlässlich, humorvoll, verschmitzt im Blick und dankbar für das, was andere für die Gemeinschaft oder für ihn leisteten.
Zum Segeln kam Eugen durch seinen guten Freund und Mentor Walter Buschor. Und wie alles, was Eugen tat, tat er mit ganzer Überzeugung. Von Anfang an war da diese Begeisterung für Wind, Wasser, Weite und Seemannschaft.
Am Bodensee teilte er sein Boot zuerst mit Otto Bergmann und nach dessen Tod für mehr als 20 Jahre mit mir. Eine Partnerschaft, die Vertrauen verlangte und bis zum Schluss anhielt. Auf dem Meer war er Teil einer Crew und auch dort zeigte sich, was ihn ausmachte: Verantwortung übernehmen, Kurs halten, Entscheidungen treffen. Teamorientiert – auch wenn er oft das letzte Wort hatte oder eigenmächtig hantierte, was uns das Blut in den Adern gefrieren liess. Er taute es mit seinem Charme schnell wieder auf. Auch als Segelpartner zeigte er sich grosszügig und verständnisvoll.
So etwa, als die Odin für längere Zeit in Schweden eingewassert war. Auf meinem Törn in den Schären hatte ich eine heftige Bodenberührung, weshalb ich Eugen anrief. Er meinte, das kann passieren, ist nicht so schlimm und aus Schaden wird man klug. Ich war über seine wohlwollende Reaktion und sein Verständnis sehr überrascht und erfreut. Die Überraschung relativierte sich ein Jahr später, als mich Eugen während seines Törns in Schweden anrief und mir mitteilte, dass er die Odin auf einen Fels gesetzt habe und von einem Boot heruntergezogen werden musste. Ich meinte, das kann passieren, ist nicht so schlimm und aus Schaden wird man klug.
Seine Meerestörns waren legendär. Neben dem obligaten Ölzeug durfte der «Blaue» nicht fehlen. Jeder meiner Törns mit Eugen bedeutete Schwerstarbeit, das Schiff war trotz allen Schwüren und Beteuerungen von Eugen NIE startklar. Die Törns waren aber selbstredend viel mehr Genuss, Spass und Erlebnis. Eugen und ich hatten eine klare Aufgabenteilung – ich stellte den C-Ausweis, der ihm fehlte, und er das notwendige seglerische Können, das mir fehlte. Diese Zusammenarbeit hat, wie Eugen es ausdrücken würde, HERVORRAGEND funktioniert.
Dennoch fuxte es ihn ein wenig, dass er diesen Schein nicht hatte. Pragmatisch wie Eugen war, entschloss er sich deshalb kurzerhand anlässlich eines Törns in Kroatien, den C-Schein in Split zu machen. Dazu musste er ein paar Runden im Hafen von Split drehen und anschliessend zur theoretischen Prüfung antreten. Dort stellte man ihm die drei zentralen Fragen: 1. Was ist der Bug? 2. Wo befindet sich der Mast? Wie heisst der hintere Teil des Schiffes? Eugen brillierte nicht nur im praktischen Teil der Prüfung, sondern beantwortete auch alle drei Fragen korrekt. Mit grosser Freude nahm er den Split-C-Ausweis entgegen. Mit diesem in der Hand sprach er dann nach seiner Rückkehr auf dem Seeschifffahrtsamt SSA in Basel vor, wo er den Split-Schein in einen Schweizer C-Schein umschreiben lassen wollte. Er habe – so Eugen – in seinem ganzen Leben noch nie ein derart höhnisches und lautes Beamtenlachen erlebt. Überrascht habe ihn die Reaktion aber letztlich nicht.
Wenn man Eugen Leitsprüche zuschreiben möchte, dann etwa «Ein Schiff ist im Hafen sicher, aber dafür ist es nicht gebaut.“ (William Shedd) oder «Eine ruhige See hat noch keinen guten Seemann hervorgebracht.“ (Franklin D. Roosevelt). Sicherheit allein war nie sein Ziel. Er suchte nicht den Hafen, er suchte den Horizont.
Ruhige See hatte er in der Tat nicht immer. Die Herausforderungen im Beruf, die Verantwortung für seine Familie und schliesslich die schwere Krankheit – eine See, die rauer war als jede, die wir je gemeinsam erlebt haben. Aber selbst in dieser schweren Zeit blieb er, was er immer war: standhaft, würdevoll, mit Haltung.
Und dann – noch ein letztes Mal hinaus aufs Meer. Noch einmal Wind im Gesicht, Salz in der Luft, das Spiel von Kräften spüren. Das war kein Trotz. Das war Leidenschaft. Das war Leben.
Für seine Familie war er Anker und Heimathafen. Für seine Freunde ein verlässlicher Mitsegler. Für uns im Club eine feste Grösse – mit starker Stimme, klarem Kurs und einem Herzen, das grösser war, als er es je zugegeben hätte.
Lieber Eugen, du bist uns vorausgesegelt auf eine Reise, für die du keinen C-Ausweis benötigst. Wir danken dir für die gemeinsamen Stunden und deine Freundschaft und wünschen dir auf deinem Törn stets eine handbreit Wasser unter dem Kiel.
Rheineck, 27. Februar 2027, Alfred Jung